Death Valley – Welcome

By Guenter Boehnke, 2004 finisher

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Du Trockenlippiger, sei stets auf der Suche nach Wasser!

Die trockene Lippe ist ein sicheres Zeichen

Dass sie am Ende die Quelle finden wird.

Diese Suche ist eine gesegnete Unrast

Sie überwindet jedes Hindernis

Ist der Schlüssel zu dem, was du begehrst.

Wenn du auch kein Gefäß hast, höre nicht auf zu suchen …

(Rumi)

 

Schritt, Schritt, Schritt, nur nicht stehen bleiben. Atmen, ein-, ausatmen, ausgedörrte Luft durchströmt den Körper. Das Ziel in weiter Ferne, den Kopf möglichst leer, den Geist ruhen lassen, je leerer desto besser, weniger Ballast, keine dem Vorankommen abträgliche Gedanken. Schritt, Schritt, Schritt, in Bewegung bleiben.

Über 50°C im Tal des Todes, Death Valley, mit gemessenen 56,7°C neben der libyschen Wüste der heißeste Ort weltweit. Steinwüste, ausgedörrte Salzseen, Sanddünen und vor und unter den Läufern bis zu über 70°C heißer Asphalt. Drei Anstiege, von Badwater, mit -86 m der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre,  auf über 1.500 m zum Towne Pass hinauf, dann hinab, wieder hinauf und als Finale noch ein knapp 20 km langer Aufstieg zum Mount Whitney Portal hinauf auf fast 2.600 m. Gesamtlänge der Strecke 216 km, für die die Läufer nicht länger als 60 Stunden brauchen dürfen.

Bereits 3 Wochen vor dem Lauf reisen Ingrid, meine Frau, und ich an, leben im Wohnmobil, rühren die Klimaanlage nicht an. Langsam wollen wir uns an die Hitze gewöhnen, mit ihr vertraut werden, sie lieben lernen, ist sie doch eine hervorstechende Eigenschaft des Badwater Ultras, der immer dann stattfindet, wenn es im Death Valley am heißesten ist. Zudem möchte ich mit Landschaft und Strecke vertraut werden, Teile von ihr als abschließendes Training absolvieren, Erfahrungen vor Ort sammeln. Bis zum Start kann ich die gesamte Strecke mit geschlossenen Augen visualisieren, habe sie in Teilabschnitte zerlegt, bin sie gedanklich bereits 100-mal gelaufen.

Dennoch, als wir nach 6 Tagen, die wir in den Panamint Ranges und im Panamint Valley verbracht haben, in Stovepipe Wells aus dem Wohnmobil steigen, die brennende Sonne auf unseren Körpern lastet, die Augen von den feurigen, dörrenden Winden, dem Gluthauch des Schmelzofen zu brennen beginnen, wird mir der Gedanke, hier laufen zu wollen, immer fremder, erscheint unwirklich. Alles ist heiß. Du willst duschen, nimmst das Shampoo - heiß. Du willst in Deine Plastiksandalen schlüpfen, die du dummerweise in der Sonne hast stehen lassen, es verbrennt dir die Fußsohlen. Du stellst voller freudiger Erwartung die kalte Dusche an - heiß.

Ca. 75 Läufer werden jedes Jahr beim Badwater Ultramarathon zugelassen. Es handelt sich um ein reines Einladungsrennen, für das man sich auf Basis vorgeschriebener Qualifikationsstandards zu bewerben hat, wobei auch bei Erfüllung der Standards eine Einladung nicht garantiert wird. Jeder  Läufer ist für eigene Betreuer nebst Fahrzeug verantwortlich, 2 Betreuer Minimum sind Pflicht, die im Wagen, manchmal mitlaufend, den Läufer während des gesamten Laufes zu versorgen haben.

12. Juli, 6 Uhr, Montagmorgen an der Lache Badwater. Kein schlechtes Wasser, keine giftige Pfütze. Nur Salwasser, erbarmungslos der Sonne ausgesetzt und dennoch auch an diesen für uns so unwirtlichem Ort – Leben: Salzschilf, Insekten, Gliederfüßler und eine spezielle, nur hier vorkommende Schneckenart. Ein paar Meilen entfernt, im Salt Creek, der von Quellen gespeist wird, lebt der Salt Creek Pupfish, der nirgendwo sonst existiert. Über Jahrtausende hat er sich langsam angepasst als der große See, der einmal das Death Valley bedeckte, allmählich austrocknete, zur Salzwüste sich wandelte, die zurückbleibenden Tümpel immer salzhaltiger wurden.

Noch ist die Temperatur mit knapp 40°C erträglich, im Vergleich zum Glutofen des herannahenden Tages. Aufstellen zum Gruppenphoto, Nationalhymne, dann starten ca. 25 Läufer, hinein in eine grandiose Naturarena, unspektakulär, ohne Trara, jubelnde Menge und VIPs. Um 8 und 10 Uhr folgen 2 weitere Gruppen, der Verkehr wird so entzerrt, Gedrängel und Stau weitgehend vermieden. Insgesamt sind 72 Teilnehmer am Start, darunter 7 Frauen.

Mit dem Startschuss beginnt eines der extremsten Rennen weltweit, eine Gratwanderung in Grenzbereiche des menschlich Erträglichen hinein. Körper und Geist, sofern von Vernunft getrieben, würden schon nach wenigen Stunden aufgeben, gar nicht erst bei diesem Rennen antreten. Jedoch der Wille, der tief verankerte Wunsch durch solch eine extreme Erfahrung hindurchzugehen, trägt den Läufer Stunde um Stunde, Schritt für Schritt noch 2 Tage lang dem Ziel entgegen. Allerdings beenden bis zu 45% der Läufer das Rennen vor dem Ziel. Dieses Jahr ist die Quote der offiziellen Finisher mit 79 % erfreulich hoch, 2 Läufer beenden das Rennen inoffiziell, das heißt nach Ablauf des Zeitlimits von 60 Stunden, 14 scheiden aus.

Die Luft scheint zu brennen, treibt die Körpertemperatur nach oben. Innere Verbrennungswärme kommt hinzu, freigesetzt bei der Energiegewinnung, die den Läufer in Bewegung hält. Der Verstand taucht ab. Unzurechnungsfähig.

Schritt, Schritt, Schritt, immer weiter, ausatmen, einatmen. Trinken, trinken, trinken, mehrere Liter in der Stunde, mögen Kehle und Magen auch rebellieren. Verzweifelt versucht der Körper einer Überhitzung zu entrinnen, Verdunstungskälte durch Schweiß zu erzeugen, Schweiß, den  die Hitze, noch angefacht von starken thermischen Winden, sofort von der  Haut saugt.

Die Sonne, die den Erdball uns erhellt –

Naht sie ein wenig, brennt die ganze Welt.

(Rumi)

Meine Betreuer, Bennie, mein Trainer und Gewinner des diesjährigen Swiss Gigathlon (www-ad-extremum.de), seine Freundin Birgit und Ingrid, müssen jetzt Schwerstarbeit verrichten, beginnen von außen zu kühlen, laufen mit, legen mir ca. alle 7 Minuten ein nasses, eisgekühltes Handtuch über die Schulter, tränken Mütze und Nackenschutz mit Eiswasser, reichen mir einen Waschlappen, gefüllt mit Eis, den ich unter der Mütze auf dem Kopf trage. Sie hoffen, damit einen Anstieg der Körpertemperatur zu vermeiden, hoffen, mir damit Schäden durch die Hitze wie Krämpfe, Erschöpfung und Hitzschlag zu ersparen. Trinken, Schritt, kühlen, trinken, Schritt, kühlen, nur nicht ans Aufgeben denken.

Dazu kommen noch als zusätzliche Belastung: Die Durchführung psychologische Tests, die Reaktions- und Erinnerungsvermögen im Verlauf des Rennens messen,  6 x venöse Blutabnahmen, Blutdruckmessungen, Urinproben, Messung der inneren Körpertemperatur, wofür ich einen kleinen Sender geschluckt habe, der Magen und Darm durchwandert, und eine Reihe andere Untersuchungen. Zusammen mit 9 anderen Läufern bin ich Teil des wissenschaftlichen Projektes Runex123 unter der Leitung von Dr. Holger Finkernagel, das u.a. Plasmaverschiebungen und psychologische Verhaltensänderungen während einer Extrembelastung untersuchen möchte. Während der Nacht werde ich die psychologischen Test verweigern, zu sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt, am nächsten Tag die Blutabnahme, als ich auf den langen Geraden vor Lone Pine unter der erneuten Hitze leide, mein Magen rebelliert. 

Am Nachmittag erreiche ich Stovepipe Wells, knapp 70 km liegen hinter mir. Eine erste, kurze Pause, dann beginnt der lange Aufstieg zum Towne Pass,  27 km, 1.500 m Höhendifferenz. Bisher habe ich mich gut gefühlt, bin trotz meines 10+5 Rhythmus (10 Minuten laufen, 5 Minuten gehen), den ich von Anbeginn konsequent eingehalten habe, recht flott unterwegs gewesen. Jedoch, ohne es zu spüren, die Hitze, der Wind sie haben mich ausgelaugt, Energie genommen, die mir jetzt beim Anstieg fehlt. Sieg und Niederlage bei diesem Rennen entscheiden sich weitgehend auf diesen ersten 70 km, in der größten Hitze, wer nicht haushaltet mit seien Kräften, sich verleiten lässt, zu schnell angeht, ohne es zu merken, er hat bereits verloren. An Laufen ist nicht mehr zu denken, der Körper verweigert den Dienst, zügiges Gehen muss reichen. Die Nacht bricht herein, müde bin ich nicht, jedoch auf halber Höhe geht nichts mehr. Essen, 20 Minuten auf dem Boden liegend Ruhe finden, wegdämmern. Meine Crew wacht über mich, ich vertraue ihr blind, lasse mich fallen. Als Läufer bin ich nur ein Rädchen im Getriebe, chancenlos ohne meine sich aufopfernde Crew.

Weiter, zum Towne Pass hoch, dann, ein falscher Bissen, mein Magen rebelliert, entleert sich, ich fühle mich erleichtert. Maria, die ihren Mann Angel betreut, bietet mir gekühlte Obststückchen an, Balsam diese Geste, willkommene Abwechselung. Oben am Pass kurze Rast, dann geht es bergab, endlich, Laufen ist wieder möglich. 20 km hinab ins Panamint Valley lassen die Oberschenkel erzittern. Wieder ist der Körper ausgelaugt, bis zur dritten Zeitstation möchte ich noch, ihre Lichter habe ich in der Dunkelheit vor Augen, wenige Kilometer nur noch. Jedoch, es ist sinnlos, ich komme kaum voran, gehe mühsam. Bennie rät zur sofortigen Pause, widerstandslos stimme ich zu. 45 Minuten Rast, essen, dann auf die dünne Matte, nur ein Laken bedeckt mich, über mir Millionen von Sternen, für die ich keine Augen habe. Spinnen, die tödliche schwarze Witwe, Skorpione, Schlangen, sonstiges Getier, es berührt mich nicht, ich liege am Boden, Ruhe suchend, um neue Kraft zu schöpfen.

Vor der Zeit stehe ich auf, weiter. Gedanken lassen sich nicht vermeiden, warum nur tue ich mir dies an? Genuss am Laufen kann es nicht sein, den finde ich hier nicht. Diese großartige Landschaft, sie kann ich unter anderen Umständen viel besser in mich aufnehmen. Gedanken, nie mehr nehme ich an solch einem Lauf teil. Gründe zum Aufgeben gibt es keine, bei aller Erschöpfung, es geht mir gut, die paar Blasen an den Füßen, Marginalien. Meiner Crew fühle ich mich verpflichtet, sie nennt mich „The Desert Fox“, hat unseren Van damit beklebt, verziert mit so sinnreichen Sprüchen wie: „Pain is temporary – glory forever!“ und  „A goal without a pain – is a dream!!“. Also weiter. Wieder ein Anstieg auf über 1.500 m Höhe. Blicke zurück, eine Scheinwerferkette von Begleitfahrzeugen zieht den Townes Pass hinab, durch das Panamint Valley, tröstlich schön, dort war ich vor Stunden. Wieder rebelliert mein Magen, soll er seinen Willen haben, raus damit. Ich trinke, muss Wasser lassen, immer wieder, mein Körper nimmt keine Flüssigkeit mehr auf, der Salzverlust war zu groß, wurde nicht ausreichend ausgeglichen.

Wieder bin ich bergauf zu einem Kriechtier geworden, ein Powernap von 15 Minuten lässt mich erneut als Läufer erwachen. Endlich geht es bergab, über 50 km bis nach Lone Pine, auf endlosen Geraden, die ich so liebe, die im Unendlichen zu verschwinden scheinen. Zur Linken die Sierra Nevada, dort liegt das Ziel, glasig im Dunst eines heißen Tages. Starke Winde, die Sand über die Straße blasen, den Lauf, ich möchte ihn nun zu Ende bringen, eine zweite Nacht vermeiden. Wieder laufe ich im 10+5 Rhythmus, wieder leistet meine Crew Schwerstarbeit, trinken, Schritt, Kühlung, trinken, Schritt, Kühlung.

Fast im Ziel, ein letzter Anstieg von knapp 20 km auf 2.600 m Höhe, die Stimmung hebt sich, den Zacken des Mount Whitney vor Augen, ein würdiges Ziel, und siehe da, mein Kämpferherz erwacht, unter 40 Stunden sind noch möglich. Zügiges Gehen bergauf, Ingrid gibt das Tempo vor, an ihrem Rücken saugen sich meine Augen fest. Sie geht vor mir her, soweit sie kann, dann löst Bennie sie ab. Es ist überstanden, geschafft. Aus der Trance eines langen Laufes, aus dem innersten Sein erwacht der Läufer, neugeboren, Tränen vergießend. Dies war nicht ein Lauf über 216 km in brüllender Hitze, Pässe hinauf, Nächte hindurch, es war eine Reise durch innere Berge und Täler.

„Aufersteh’n, ja aufersteh’n,

wirst du, mein Staub,

nach kurzer Ruh“.

(Gustav Mahler, 2. Symphonie)

Das Abenteuer Selbsterfahrung, völlige Hingabe, Verzweiflung und Vergessen beim Lauf, das Glücksgefühl Anzukommen ist unbeschreiblich und auch nach Jahren noch ein seltenes, kostbares Gut. Dabei nicht hoch genug einzuschätzen, eine besondere Erfahrung bei diesem Lauf, mein Team, Bennie, Birgit und Ingrid waren der Schlüssel zum Erfolg, ihnen gebührt mein Dank, meine Hochachtung.

Von links: Chris Kostman, der Veranstalter, Birgit Dasch, The Desert Fox, Ingrid Rücknagel-Böhnke, Bennie Lindberg.

Beginnen nicht auch Sie zu spüren, wie etwas in Ihnen erwacht? Nein? Lehnen Sie sich zurück, horchen Sie tief in sich hinein, es muß ja nicht gleich Badwater sein. 

„The ability to endure beyond percieved limits requires a desire to continue. But now, rather than an act of will, such excursions are an act of faith.“ (Jay Birmingham, The Longest Hill, Death Valley To Mount Whitney, 1981).

© Günter Böhnke, Juli 2004